Was wäre wenn…?

Man stelle sich vor, es gäbe eine Zeitmaschine…
Das wäre ja mal was, wenn ich die Zeit zurück drehen könnte, bis zu jenem Moment, als ich zum ersten Mal dastand, auf dem Schulhof, Rotz und Wasser heulend. Dann könnte ich diesem hänselnden, mobbenden Kleingeist eine aufs Maul hauen: Alle aus seiner Clique würden ihn dann auslachen und nicht mich!
Er wäre der Loser, das könnte ich ihn von da an auch Tag für Tag spüren lassen.

Und mein Leben wäre dann ganz anders verlaufen…
Mir wäre viel erspart geblieben: Tote Mäuse im Mäppchen, versteckte Kleidung im Schwimmbad, Anrempelungen auf der Eisbahn oder auf dem Schulhof und im Sportunterricht, Ausgrenzungen, tiefe Beleidigungen; Psychoterror im Unterricht, in den Pausen, zu Hause am Telefon; Drohungen und Ängste, Bauchschmerzen, schlaflose Nächte, Alpträume, viele Krankheitstage und ein nur schlechter Hauptschulabschluss mit miesen Zukunftsperspektiven…

Auch hätte ich niemals in dieser Isolation leben müssen, wäre nicht an einer generalisierten Angststörung erkrankt, ich hätte keine Panikattacken durchlebt, keinen „Seelenklempner“ nötig gehabt, mit keiner Psychotherapie hätte ich mich herumschlagen müssen.
Ich hätte vielmehr in eine höhere Schule wechseln können, in eine Realschule oder gar ins Gymnasium. Um dann studieren zu können, oder eine gut bezahlte Berufsausbildung in einem großen Unternehmen zu absolvieren. In diesem Unternehmen hätte ich direkt eine sichere Anstellung bekommen können, hätte jahrelang gutes Geld verdient, hätte mir in der Zwischenzeit alle paar Jahre einen neuen Mittelklassewagen leisten können. – Als Zweitwagen stünde ein Mini in der Garage.

Ich hätte eine Frau kennengelernt, die die Vorstellung eines solchen Lebensstils mit mir teilt, hätte ein Haus bauen lassen, eine Familie gegründet, hätte einen Golden Retriever mit Stammbaum und dem edlen Namen Odysseus, der auf den 200 Quadratmetern Rasenfläche im Garten toben könnte.

Ich hätte mir vielleicht sogar jeden Sommer einen mehrwöchigen Urlaub im Süden leisten können, in der Karibik oder in den USA, hätte „in guter Gesellschaft“ bei angesagten Partys teilnehmen können.

Dann hätte ich heute mindestens 300 Facebook-Freunde, hätte kein dünnes Haar, sondern hätte mir längst ein Mittel gegen Haarausfall oder gar eine Transplantation gegönnt.

Ich würde mir jedes Jahr ein neues Smartphone kaufen, jeden Trend könnte ich mitmachen.

Ich könnte mir teures argentinisches Rindfleisch leisten, würde mir dann aber doch lieber das Billigfleisch vom Discounter kaufen: Irgendwo muss man ja sparen, um wirklich jeden anderen Trend mitmachen zu können.

Das wäre alles möglich, könnte ich zu diesem einen Zeitpunkt auf dem Schulhof zurückkehren, als ich zum ersten Mal Rotz und Wasser geheult hatte!

Ich müsste dann nur diesem Kleingeist noch eine aufs Maul hauen, und ihm fortan das Leben zur Hölle machen.

Das wäre ja mal was…!
Denn dann würde sich alles ändern und ich wäre… Also dann wäre ich wirklich…
Gäbe es diese Zeitmaschine und wäre all das möglich, dann wäre ich tatsächlich…
Ja, ich wäre genauso ein Kleingeist wie er!

Dann hätte ich nie am eigenen Leib erfahren, wie wichtig Toleranz und Nächstenliebe sind, hätte keine derartige Sensibilität für Mitmenschen entwickelt, nicht diese Empathie. Ich würde mich nicht derart im Tier- und Naturschutz engagieren, hätte keine einäugige Katze als Haustier, keine glücklichen Hühner im Garten und streunende Katzen an der Futterstelle. Ich wäre auch heute kein überzeugter Vegetarier.

Ich hätte nie diese enge Verbindung gespürt, die zwischen Körper und Seele herrscht. – Wie sehr eine Angsterkrankung das Leben einschränken und den Körper beeinflussen kann, und somit, wie komplex Seele und Körper verwoben sind.

Und ich hätte nie den Weg zum Schreiben gefunden, hätte zu keiner Zeit die Macht erlebt, die das „von der Seele schreiben“ in sich birgt. Ja, die „Magie des geschriebenen Wortes“ hätte ich vielleicht niemals entdeckt.

Ich hätte mir nie meinen sehr guten Realschulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg und meine Berufsausbildung mit Auszeichnung hart erkämpft. Und die meisten Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte, hätte ich wahrscheinlich niemals kennengelernt.

Ich würde mit den Wölfen heulen, und damit würde meine Stimme in der Einförmigkeit des Mainstream untergehen.

Dann hätte ich vielleicht 300 Facebook-Freunde, aber würde den Wert einer echten Freundschaft nicht zu  schätzen wissen. Ich würde an oberflächlichen Partys teilnehmen, in einer materialistisch geprägten Beziehung leben. Ich hätte transplantierte Haare auf dem Kopf, und implantierte Werte darin.

Ich würde für den schönen Schein existieren. Und ich hätte mir dadurch nie die Fragen nach dem wahren Sinn des Lebens gestellt.

Aber allem voran wäre ich wie dieser Kleingeist von einst.
Und als dieser könnte ich morgens nicht mehr in den Spiegel schauen und sagen: Ich bin stolz auf das, was ich bin!

Daher bleib ich lieber im Hier und Jetzt, verzichte auf die Zeitmaschine, und lass den Kleingeist von einst sein, was er ist: Ein wertvoller Wendepunkt meines Lebens!